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AUFSÄTZE

Diu gewaltaerinne Minne. Von einer weiblichen Grossmacht und der Semantik von Gewalt

Kennzahl zfdph_19980103
Hildegard Elisabeth Keller
 
Die mittelalterliche Kulturgeschichte kennt die Minne als eine in mehrerlei Hinsicht außergewöhnliche Frau: als Liebesaggressorin, die mit ihren Pfeilen Menschen beiderlei Geschlechts und auch Gott überwältigt. Als „künstliche“ Frau partizipiert sie am Topos der mulier virilis. Zunächst geht der Aufsatz der genealogischen Frage nach, wie Frau Minne in den Besitz ihrer männlichen Attribute (ihre Waffe) kommt. Damit ist die Frage ihrer Macht und ihrer Gewalt verbunden. In Frau Minnes Engagement für die liebeskranke Seele in Lamprechts von Regensburg brautmystischem Epos „Tochter Syon“ wird sich diese Gewalt an einem liebenden Gott beweisen: Sie schiesst den „Himmelskönig“ lebensgefährlich an. Lamprecht löst diese narrativ höchst effektvolle Konstruktion dann in einem theologischen Kontext auf. Seine Inszenierung weiblicher Liebesaggression ist ebenso raffiniert wie kühn: im Aufbauen und Aushöhlen der Gewalt der weiblichen Allegorie.

In medieval cultural history, Lady Minne appears as an unusual woman in a number of respects: as an aggressor in the cause of love, who uses her arrows to overpower both men and women and even God. As an “artifical” woman she takes part in the topos of the mulier virilis. The article first examines the genealogical question of how Lady Minne came to possess her manly attributes (her weapon). This is connected to the question of her power and the force she uses. In the epic ‘Tochter Syon’ by Lamprecht von Regensburg, Lady Minne’s commitment on behalf of the lovesick soul leads to this force being turned against a loving God; she shoots at the ‘King of Haven’, inflicting a live-threatening wound. Lamprecht resolves this dramatically effective construction in a theological context. His staging of feminine aggression is as ingenious as it is daring, building up and undermining of the power of the female allegory.
(Seite 17 - 37)
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