MISZELLE
Eilharts „Tristrant“ in den nideren landen? Ein polychromes Minnekästchen im Victoria and Albert Museum, London
Henrike Manuwald, Nick Humphrey
Im Victoria and Albert Museum (V&A) befindet sich ein farbig gefasstes Holzkästchen mit Schnitzereien auf allen Seitenwänden und dem Deckel (Abb. 1–6). Das Deckelmotiv ist als Baumgartenszene aus dem Tristan-Kontext zu identifizieren: Eine weibliche und eine männliche Figur stehen links und rechts neben einer Wasserstelle, über der ein Baum emporragt. In dessen Krone ist (links) eine gekrönte männliche Halbfigur zu erkennen, die mit ihrer Linken eine kleine männliche Figur (rechts) am Schopf ergriffen hat und mit dem Schwert in ihrer Rechten zu erschlagen droht. Die Kombination der verschiedenen Bildelemente und insbesondere das Motiv eines gekrönten Mannes im Baum lassen keinen anderen Schluss zu, als dass es sich dabei um König Marke handelt, der zusammen mit dem Zwerg Melot das Stelldichein Isoldes und Tristans im Baumgarten belauscht.
Sowohl im Material als auch in der Größe unterscheidet sich das Kästchen von den kleineren Elfenbeinkästchen aus dem 14. Jahrhundert, die einer Pariser Werkstatt zugeordnet werden und jeweils auf der linken Seitenwand die Baumgartenszene zeigen. Im Vergleich zu anderen Realisationen des in den verschiedensten Kunstgattungen präsenten Motivs fallen auch ikonographische Besonderheiten auf: Es ist ungewöhnlich, dass die Baumgartenszene über mehrere der durch die senkrechten Beschläge und profilierte Rahmung geschaffenen Felder des Kästchens hinweg gestaltet ist. Isolde und Tristan, die in den beiden äußeren der insgesamt vier hochrechteckigen Felder platziert sind, haben auf diese Weise eine größere Distanz zueinander als bei anderen Darstellungen der Baumgartenszene. Die als Quelle zu deutende querovale Wasserstelle und der Baum, die sich über die beiden mittleren Felder erstrecken, werden mittig durch das mittlere Beschlagband geteilt. Damit hängt vielleicht eine weitere ikonographische Besonderheit zusammen, denn in dem Wasser, auf das Isolde zeigt, ist kein Spiegelbild König Markes abgebildet. Während König Marke – oft auf seinen Kopf reduziert – in der Regel allein im Baum gezeigt wird, sind auf dem Holzkästchen im V&A nicht nur Marke und der Zwerg Melot zu sehen, sondern auch der Zorn Markes auf Melot ist durch dessen Bedrohung mit dem Schwert eindrücklich visualisiert. Schließlich fällt der imposante Gabelbart Tristans ins Auge, da die Tristan-Figur in den allermeisten Fällen bartlos dargestellt wurde.
Das Kästchen wurde 1855 vom Museum of Ornamental Art, dem späteren V&A, aus der Sammlung Ralph Bernals angekauft; woher es in dessen Sammlung gelangt war, ist nicht bekannt. Bei der Erwerbung wurde es als englisch oder französisch angesehen und auf die Zeit um 1350 datiert. John Hungerford Pollen (1874) bekräftigte diese Lokalisierung, wobei er den deutschen Charakter der Beschläge konstatierte. Heinrich Kohlhaussen (1928) galt das Kästchen als rares Beispiel für ein englisches Minnekästchen; er datierte es in das dritte Viertel des 14. Jahrhunderts. Seine Lokalisierung und Datierung sind in der späteren Forschung übernommen worden. Doris Fouquet (1973) wies dann darauf hin, dass die ikonographische Gestaltung der Baumgartenszene eine ungewöhnliche Nähe zum „Tristrant“ Eilharts von Oberg zeige: Dort wird erzählt, dass Marke mit Melot im Baum sitzt und, als er sich angesichts der vermeintlichen Treue Isoldes von ihm falsch informiert fühlt, den Zwerg mit dem Schwert erschlagen will. Norbert H. Ott (1975) gibt als „Quelle“ ebenfalls Eilhart an, macht aber gleichzeitig darauf aufmerksam, dass es in englischen und französischen Versionen für diesen Versuch der Bestrafung Melots keine Entsprechung gebe.
Sowohl im Material als auch in der Größe unterscheidet sich das Kästchen von den kleineren Elfenbeinkästchen aus dem 14. Jahrhundert, die einer Pariser Werkstatt zugeordnet werden und jeweils auf der linken Seitenwand die Baumgartenszene zeigen. Im Vergleich zu anderen Realisationen des in den verschiedensten Kunstgattungen präsenten Motivs fallen auch ikonographische Besonderheiten auf: Es ist ungewöhnlich, dass die Baumgartenszene über mehrere der durch die senkrechten Beschläge und profilierte Rahmung geschaffenen Felder des Kästchens hinweg gestaltet ist. Isolde und Tristan, die in den beiden äußeren der insgesamt vier hochrechteckigen Felder platziert sind, haben auf diese Weise eine größere Distanz zueinander als bei anderen Darstellungen der Baumgartenszene. Die als Quelle zu deutende querovale Wasserstelle und der Baum, die sich über die beiden mittleren Felder erstrecken, werden mittig durch das mittlere Beschlagband geteilt. Damit hängt vielleicht eine weitere ikonographische Besonderheit zusammen, denn in dem Wasser, auf das Isolde zeigt, ist kein Spiegelbild König Markes abgebildet. Während König Marke – oft auf seinen Kopf reduziert – in der Regel allein im Baum gezeigt wird, sind auf dem Holzkästchen im V&A nicht nur Marke und der Zwerg Melot zu sehen, sondern auch der Zorn Markes auf Melot ist durch dessen Bedrohung mit dem Schwert eindrücklich visualisiert. Schließlich fällt der imposante Gabelbart Tristans ins Auge, da die Tristan-Figur in den allermeisten Fällen bartlos dargestellt wurde.
Das Kästchen wurde 1855 vom Museum of Ornamental Art, dem späteren V&A, aus der Sammlung Ralph Bernals angekauft; woher es in dessen Sammlung gelangt war, ist nicht bekannt. Bei der Erwerbung wurde es als englisch oder französisch angesehen und auf die Zeit um 1350 datiert. John Hungerford Pollen (1874) bekräftigte diese Lokalisierung, wobei er den deutschen Charakter der Beschläge konstatierte. Heinrich Kohlhaussen (1928) galt das Kästchen als rares Beispiel für ein englisches Minnekästchen; er datierte es in das dritte Viertel des 14. Jahrhunderts. Seine Lokalisierung und Datierung sind in der späteren Forschung übernommen worden. Doris Fouquet (1973) wies dann darauf hin, dass die ikonographische Gestaltung der Baumgartenszene eine ungewöhnliche Nähe zum „Tristrant“ Eilharts von Oberg zeige: Dort wird erzählt, dass Marke mit Melot im Baum sitzt und, als er sich angesichts der vermeintlichen Treue Isoldes von ihm falsch informiert fühlt, den Zwerg mit dem Schwert erschlagen will. Norbert H. Ott (1975) gibt als „Quelle“ ebenfalls Eilhart an, macht aber gleichzeitig darauf aufmerksam, dass es in englischen und französischen Versionen für diesen Versuch der Bestrafung Melots keine Entsprechung gebe.
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