Inhalt » Archiv » Ausgabe 02/2010 » Hans Richard Brittnacher, Magnus Klaue (Hg.): Unterwegs. Zur Poetik des Vagabundentums im 20. Jahrhundert, Böhlau, Köln, Weimar, Wien 2008.

Hans Richard Brittnacher, Magnus Klaue (Hg.): Unterwegs. Zur Poetik des Vagabundentums im 20. Jahrhundert, Böhlau, Köln, Weimar, Wien 2008.

Der Vagabund ist kein Urlauber, kein Reisender im Namen des Vergnügens. Seine Lebensart des ständigen Unterwegsseins ist vielmehr von anhaltender Unruhe geprägt; von einem Zwang, der seinem Reisen den Charakter einer fortwährenden Flucht verleiht. Sein unstetes Leben stellt einen selbstbestimmten Akt der Absage an gesellschaftliche Konventionen wie Sesshaftigkeit und Meldepflicht dar. Der durchgeplanten Existenz stellt der Vagabund ein Konzept des allen Möglichkeiten offen gegenüber stehenden Abwartens entgegen, in dessen Mittelpunkt der Einzelne mit seinen individuellen Wünschen, Eingebungen und Bedürfnissen steht. Vor allem diese Eigenwilligkeit ist es wohl, welche die Jahrhunderte andauernde Anziehungskraft dieser Figur auf Schriftsteller erklärt. Vorgänger lassen sich im Roman der Antike und in den Pikaresken des 17. Jahrhunderts finden, und auch die Spaziergänger und Flaneure des 18. und 19. Jahrhunderts sind seiner Tradition zuzuordnen. Als Akteur der Peripherie der Gesellschaft eröffnet der Vagabund die Möglichkeit einer externen Perspektive, mithilfe derer Kritik an den als selbstverständlich angesehenen Normen geübt werden kann. Zugleich fungiert er seit dem 19. Jahrhundert aber auch als Reflexionsfigur von romantischen Sehnsüchten nach Selbstverwirklichung und Abenteuer. Bilder, dass dürfte deutlich sein, die nichts mit dem Leben der realen Vagabunden zu tun haben.

Seiten 311 - 314

Zitierfähig mit Smartlink: http://www.ZfdPhdigital.de/ZFDPH.02.2010.311

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