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Michael Niehaus, Claudia Öhlschläger (Hgg. ): W. G. Sebald. Politische Archäologie und melancholische Bastelei
Das literarische Werk des 2001 verstorbenen Autors und Germanisten W. G. Sebald erfährt seit Mitte der 90er Jahre verstärktes Interesse. Formale Besonderheit der Texte, die der Au-tor als Prosabücher unbestimmter Art bezeichnete, ist ihre Montagetechnik, die einen autobiographisch geprägten Erzähltext mit Fotografien verschaltet und dabei mit Authentizitäts- und Verunsicherungseffekten spielt. Neben der Fokussierung auf historische und biographische Katastrophen durchzieht Sebalds Texte eine intensive Metareflexion auf alle erdenklichen hermeneutischen Diskurse von der Antike bis zur Gegenwart. Aufgrund dieser postmodernen Qualität der Texte setzt sich, wie Claudia Albes mit Blick auf Die Ringe des Saturn bemerkt hat, die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung leicht der Gefahr aus, nur nachzubuchstabieren, was immer schon im Text steht. Dieser Bann schwebt gewissermaßen auch über dem von Michael Niehaus und Claudia Öhlschläger herausgegebenen Sammelband, der aus einer 2004 in München abgehaltenen Tagung hervorging. Wenn Helmut Lethen sich im ersten Beitrag vornimmt, dem kalkulierten Tiefsinn (S. 15) in Sebalds Texten nicht nachgehen zu wollen, um andere Nachbarschaften (S. 15) abseits der vom Autor suggerierten aufzusuchen, so ist die Abwehrgeste gegen die hypertrophe Selbstreflexion der Texte vor allem rhetorisch, läuft doch das vorsätzliche Übergehen präparierter Deutungsmuster in der Absicht ihrer reflexiven Überbietung unversehens mit einer (Re-) Konstruktion der in den Texten angelegten Denkschemata wieder zusammen: Auch Lethen muss konzedieren, dass er im Aufgreifen vermeintlich entlegener Bezüge der Repräsentation unwillkürlich den programmatischen Duktus von Sebalds Schreibverfahren nachvollzieht.
Seiten 310 - 313
Zitierfähig mit Smartlink: http://www.ZfdPhdigital.de/ZFDPH.02.2008.310
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