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Roland Borgards: Poetik des Schmerzes. Physiologie und Literatur von Brockes bis Büchner

Welche Entwicklung die kulturwissenschaftlich ausgerichtete Literaturwissenschaft in den letzten beiden Jahrzehnten durchgemacht hat, lässt sich beispielhaft an der Erforschung des literarisch kodierten Schmerzes ablesen. 1985 erschien Scarrys bahnbrechende Studie „The Body in Pain“. Die Autorin konnte zeigen, dass der physische Schmerz immer als ein kulturell geformter erscheint. Sie entwarf eine Kulturtheorie, in der sie die Erzeugung und Auflösung der Wahrnehmung von Welt an die Arbeit des Schmerzes band. Scarry ging es um die Rekonstruktion einer anthropologisch verankerten und phänomenologisch erschließbaren Struktur menschlicher Kreativität und Destruktivität. Dabei griff sie auf Textmaterial von Sartre ebenso zurück wie auf Marx oder auf die Bibel. Ein solcher Ritt über die Epochen hinweg wäre für die Studie des Gießener Literaturwissenschaftlers Roland Borgards unvorstellbar. Statt nach der anthropologischen Struktur des Schmerzes fragt er in seiner Habilitationsschrift nach dessen Wissensgeschichte. Seine Emphase liegt auf der Detailarbeit, auf der Rekonstruktion der in Mikroschritten historisch präzise zu bezeichnenden Diskurs- und Wissensformationen. Dabei integriert Borgards den sich von Foucault herleitenden diskursgeschichtlichen Ansatz und die jüngste Erforschung der Wissenschaftsgeschichte. Genuin kulturwissenschaftlich verfährt Borgards nicht nur, indem er bei der Auswahl seiner Quellen konsequent die Grenzen der Disziplinen überscheitet. Kulturwissenschaftlich geprägt ist vielmehr schon die Konstitution des Gegenstands. Denn hierin liegt die These und – weil Borgards sie äußerst überzeugend entfaltet – auch die Überzeugungskraft seiner Monographie: Das Wissen vom Schmerz speist sich gleichermaßen aus mehreren disziplinären und Wissenszusammenhängen, nämlich neben der Medizin auch aus der Literatur sowie aus Jurisdiktion und Jurisprudenz.

Seiten 291 - 293

Zitierfähig mit Smartlink: http://www.ZfdPhdigital.de/ZFDPH.02.2008.291

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